Heft 40: Konstruktivismus in der Musikpädagogik und im Musikunterricht?
12,50 EUR
incl. 7 % USt zzgl. Versandkosten
Produktbeschreibung
Die Anregung für dieses Thema erhielt ich durch die vor kurzem
erschienenen Dissertationen: Peter Hametner, „Musik als Anstiftung.
Theorie und Praxis einer systemisch-konstruktivistischen Musikpädagogik“
und Henning Scharf, „Konstruktivistisches Denken für musikpädagogisches
Handeln. Musikpädagogische Perspektiven vor dem Hintergrund der
Postmoderne- und der Konstruktivismusdiskussion“ (s. Rezension S. 55 ).
Die
verschiedenen Spielarten des Konstruktivismus scheinen zurzeit die
Erziehungswissenschaft als eine Art über- und unterirdischen Flusses
und, in einigen Nebenflüssen, auch die Musikpädagogik in Bewegung zu
setzen. Für mich waren diese Einflüsse zunächst noch Neuland. So habe
ich mich seit einem Jahr so weit in die reichhaltige und
schwergewichtige Literatur eingelesen, dass ich einige Fragen an die
Thesen des Konstruktivismus stellen kann.
1. Konstruktivismus ist, so heißt es, eine Erkenntnistheorie. Sie
sagt uns etwas darüber, wie wir uns die Welt erobern, erschaffen und
formulieren. Wenn Konstruktivismus also eine Weise des Seins ist (mit
dem sich spätestens seit Descartes und über Kant bis heute die
Philosophie unter verschiedenen Namen auseinandergesetzt hat), dann
stehen wir – zumal für den Lehrerberuf und den Unterricht – wieder
einmal vor der Schwierigkeit, vom „Sein“ („so ist es“) in das „Sollen“
(„so müssen wir handeln“) zu springen, von ontologischen Setzungen zu
pädagogischen Anweisungen. Das hat man schon manchem musikpädagogischen
Konzept vorgeworfen. Gilt das auch für ein konstruktivistisch
begründetes musikpäda-gogisches Konzept? Hat die Pädagogik, weil sie das
nicht bedacht hat, bisher in Sünde gelebt? Steht Pädagogik als eine
Wissenschaft und eine Lebenspraxis, die ja immer den Charakter von
„Verordnung“ annimmt, etwa prinzipiell in Gegensatz zu einem Leben, das
sich selbst und die Welt konstruierend erschafft?
2. Ich habe
gelernt, dass Konstruktivismus Gegenstand und Methode der
Erkenntnistheorie, der Lerntheorie und der Soziologie ist. Folgen
daraus, je nach Anknüpfungspunkt, verschiedene musikpädagogische
Konzepte? Oder ist konstruktivistisches Denken und Handeln vielleicht
etwas, das vielen möglichen Anwendungskonzepten ein allgemein geltendes
Grundmuster einwebt?
3. Ist eine konstruktivistische Musikpädagogik
eventuell „nur“ ein neuer Name oder ein neues Gewand, das entweder – in
weniger guten Fällen – lediglich rechtfertigt, was schon immer im
Unterricht gemacht wird (Singen, Tanzen, Erfinden, Basteln, kritische
Recherche, Projektarbeit) oder – im besseren Fall – an frühere Konzepte
erinnert, an sie weiterentwickelnd anschließt, sie wirkungsvoll zuspitzt
? Kurz gesagt: Bestätigt das neue Gewand lediglich Selbstverständliches
oder enthält es neuen pädagogischen Zündstoff, den das pädagogische
Denken und Handeln und wir allerdings dringend gebrauchen können?
4. Wenn
ich an die philosophischen, soziologischen, psychologischen und anderen
Anleihen denke, welche die Musikpädagogik seit fast 50 Jahren
aufgenommen hat – von Plato, Adorno, Hartmann, Mersmann/Kurth über
Heidegger, Gadamer Dewey. . . – sie alle würden in den lockeren Refrain
der bei Kersten Reich angemahnten Trinität von „Konstruktion,
Dekonstruktion, Rekonstruktion“ einstimmen (Reich 2005, S. 118 – 145).
Deshalb gefällt mir das Grundmuster „Konstruktivismus“ als Fundament für
das Erkennen, Erleben, Handeln, Lernen und Lehren gut. Und sosehr es
einerseits eine Wiedererweckungsbewegung zu sein scheint, so wichtig ist
es, aus seiner Selbstverständlichkeit endlich praktische Konsequenzen
für das Handeln von Menschen zu ziehen, z. B. für Politiker,
Bildungspolitiker und Bildungswissenschaftler, die gerade dabei sind,
ein kontrastierendes Grundmuster durchzusetzen, ein Erziehungssystem,
das mit Standards, Kompetenznötigungen und gleichmachenden Kontrollen
ein wirkungsvolles systemisch-konstruktivistisches Handeln unterläuft.
5. In
seinem weitgespannten Anspruch ist eine konstruktivistische Pädagogik
eher eine allgemeine Haltung als eine Wissenschaft, an der Lernen und
Lehren sich orientieren sollten; wie ich meine, eine besonders wichtige,
kreative, auf Fantasie, Irrtum und nicht nachlassendem Fragen beruhende
Haltung – gegenüber der „Welt der Dinge“ (Gumbrecht), gegenüber den
anderen und nicht zuletzt gegenüber sich selbst. Als eine solche Haltung
sollte sie gelehrt und gelernt werden.
Damit das gelingen kann, ist
vor zwei Eng-Führungen (im Wortsinn!) zu warnen: vor einer
„wissenschaftlichen“ oder gar dogmatischen Festlegung des Begriffs wie
auch der beteiligten Menschen (Schüler, Lehrer, Bildungsobrigkeit); und
vor einer „Leipziger-Allerlei“-Zubereitung konstruktivistischen Handelns
in der päda-gogischen Küche, das heißt: in (die Menschen und die
Sachen) festlegenden Methodenspielen. Löst man nämlich die genannte
Haltung in ein Arsenal von Methoden auf, so wendet sich Pädagogik gerade
gegen das, was sie erreichen will: Sie beginnt wieder vorzuschreiben,
zu lenken, Ziele anzuvisieren und zu kontrollieren.
Wie bei jeder
Erziehungskonzeption bleibt – beim gegenwärtigen Stand des
Selbstverständnisses von Hochschulen, die sich (auch) der
Lehrerausbildung widmen – die Frage unbeantwortet, wie zukünftige Lehrer
darauf vorbereitet werden können, jene „Haltung“ zu gewinnen, weiter zu
geben, zu lehren und lebendig zu machen.
Christoph Richter
Heftartikel (ohne Magazin)
Oliver Krämer: Rollenwechsel / Maria B. Spychiger: Musiklernen als
Ko-Konstruktion? / Marc Mönig: Zum zeitgemäßen Umgang mit Werken im
Musikunterricht / Hans-Ulrich Schäfer-Lembeck: Noch einmal: Überlegungen
zum Begriff (Musik-)Vermittlung / Stefan Orgass: Interkulturelle
Interaktion / Heinz Geuen: Autonomie musikalischer Erfahrung und
kulturelle Orientierung

Sofort versandfähig, ausreichende Stückzahl





















