Heft 41: Die Systematische Musikwissenschaft in ihrer Bedeutung für die Musikpädagogik
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Produktbeschreibung
Anläßlich des Symposiums zum 60.Geburtstag von Bernd Enders hatte ich Gelegenheit, die Breite und Fülle der Themen und Fragestellungen der heutigen Systematischen Musikwissenschaft kennen zu lernen. Gleichzeitig aber wurde bei diesem Symposium d as Schattendasein der Systematischen Musikwissenschaft an den Universitäten, den Musikhochschulen und anderen Einrichtungen sowie in der öffentlichen Wahrnehmung bedauert. Das brachte mich auf den Gedanken, in einer Ausgabe unserer Zeitschrift jenen Fragestellungen und Interessen Raum zu geben, die in der Musiklehrerausbildung und als Themen des Musikunterrichts Gewicht haben sollten.Zusammen mit Bernd Enders, dem für seine große Hilfe gedankt sei, und nach längeren Planungen stellen wir in diesem Heft eine Reihe von Beiträgen zusammen, von den wir annehmen, dass Musikpädagogen und Schülerinnen wie Schüler sie zur Kenntnis nehmen und erörtern sollten. Außer der Frage, womit sich die Systematische Musikwissenschaft seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert (aber eigentlich schon weit vor der historischen Musikforschung) beschäftigt und wie sie an Umfang der Forschung und deren Brisanz zugenommen hat, zeichnen sich einige facettenreiche Forschungsbereiche ab. Sie beschäftigen sich mit dem weiten Gebiet des Hörens, mit der Rezeption und den Präferenzen von Musik, mit der Musiktheorie, mit der musikalischen Begabung und – in höchst umstrittener Weise – mit Transfereffekten von musikalischen (musikbetonten?) zu anderen Handlungen.
Eher unbeabsichtigt hat sich in die vorliegende Ausgabe aus aktuellem Anlass ein zweites und schon lange nicht mehr ehrlich diskutiertes Thema eingestellt: Vieles ist dabei zusammen gekommen: die ausführliche Einladung Jürgen Terhags zum nächsten AfS-Kongress, bei welchem „50 Jahre Popmusik im Unterricht“ gefeiert werden sollen; und die strittige Erörterung des gerade erschienenen musiktheoretischen Schulbuchs von Clemens Kühn, deren kontrapunktische Wirkung wir uns nicht entgehen lassen wollen. In diesem Buch arbeitet Clemens Kühn ausschließlich mit Beispielen aus dem Bereich der klassischen Musik – das aber werfen ihm mehrere Rezensenten vor. Mit dem Argument, man könne heute nicht an den Interessen der Schüler und an „ihrer Musik“ vorbeigehen.
Die Beschränkung auf die Beispiele aus dem Bereich der sogenannten Klassischen Musik ist unbestreitbar. Da ist es nützlich, die Argumente zur Kenntnis zu nehmen, die Kühn in dem „Wort zum ersten Quartal“ für sein Konzept vorbringt, ebenso wie man die (in meinen Augen ein wenig schwächlichen) Argumenten der Kritiker aufnehmen sollte. Gibt es heute doch sehr viel Material für den Unterricht, das sich ausschließlich der Pop-/Rockmusik widmet und dann häufig auch nur den Möglichkeiten, diese Musik vereinfacht zu musizieren.
Bei diesem nicht geplanten Zusammentreffen gibt es glücklicherweise die Gelegenheit (die Notwendigkeit, scheint mir, gibt es schon lange), das Verhältnis und die möglichen Beziehungen zwischen den beiden großen Bereichen der Musik wieder einmal „sachlich“ zu bedenken. Mit sachlich meine ich: das Gemeinsame und das Gegensätzliche oder Unterschiedliche im Hören, im Musizieren, im Komponieren, im Bereich der Bewegung, in der Art der Darbietung und des Marketings, aber auch in der historischen und kulturellen Aufklärung herauszuarbeiten. Mir scheint, es wäre gut, die Besonderheiten und Eigentümlichkeiten beider Bereiche gegeneinander zu stellen; dann aber, auf einer allgemeinen Ebene menschlicher (anthropologischer und psychologischer) Grunderfahrungen und Grundhandlungen, über das nachzudenken, was an beiden Bereichen vergleichbar ist – die Wünsche von Menschen, die „Nutzung der Musik als persönliche Lebensmittel“ , das Sich-Ausleben in der Musik, die Freude an ihr, die symbolische Kraft, die von ihr ausgeht ...
Dann wenn die etwas zu schlichte, plumpe und von gegenseitigen Voreingenommenheiten getrennte Bereiche, die auf beiden Seiten fest zementiert sind, durchlöchert würden, könnte vielleicht ein sachliches und seriöses, von gegenseitiger Achtung vor der Qualität der Musik und des Musizierens geprägtes musikpädagogisches Zeitalter eingeläutet werden, das sich von primitiven Verbrüderungen gleichwohl frei hält.
Solche Überlegungen könnten auch die Blockaden gegenüber einem musiktheoretischen Schulbuch beseitigen und, auf der anderen Seite, ihren Nutzen für den angemessenen Umgang mit der Popmusik protegieren. Der orthodoxe Glaubenskrieg könnte sich als überflüssig erweisen, weil keiner Seite etwas genommen würde.
Die Anregung für dieses Thema erhielt ich durch die vor kurzem
erschienenen Dissertationen: Peter Hametner, „Musik als Anstiftung.
Theorie und Praxis einer systemisch-konstruktivistischen Musikpädagogik“
und Henning Scharf, „Konstruktivistisches Denken für musikpädagogisches
Handeln. Musikpädagogische Perspektiven vor dem Hintergrund der
Postmoderne- und der Konstruktivismusdiskussion“ (s. Rezension S. 55 ).
Die
verschiedenen Spielarten des Konstruktivismus scheinen zurzeit die
Erziehungswissenschaft als eine Art über- und unterirdischen Flusses
und, in einigen Nebenflüssen, auch die Musikpädagogik in Bewegung zu
setzen. Für mich waren diese Einflüsse zunächst noch Neuland. So habe
ich mich seit einem Jahr so weit in die reichhaltige und
schwergewichtige Literatur eingelesen, dass ich einige Fragen an die
Thesen des Konstruktivismus stellen kann.
1. Konstruktivismus ist, so heißt es, eine Erkenntnistheorie. Sie
sagt uns etwas darüber, wie wir uns die Welt erobern, erschaffen und
formulieren. Wenn Konstruktivismus also eine Weise des Seins ist (mit
dem sich spätestens seit Descartes und über Kant bis heute die
Philosophie unter verschiedenen Namen auseinandergesetzt hat), dann
stehen wir – zumal für den Lehrerberuf und den Unterricht – wieder
einmal vor der Schwierigkeit, vom „Sein“ („so ist es“) in das „Sollen“
(„so müssen wir handeln“) zu springen, von ontologischen Setzungen zu
pädagogischen Anweisungen. Das hat man schon manchem musikpädagogischen
Konzept vorgeworfen. Gilt das auch für ein konstruktivistisch
begründetes musikpäda-gogisches Konzept? Hat die Pädagogik, weil sie das
nicht bedacht hat, bisher in Sünde gelebt? Steht Pädagogik als eine
Wissenschaft und eine Lebenspraxis, die ja immer den Charakter von
„Verordnung“ annimmt, etwa prinzipiell in Gegensatz zu einem Leben, das
sich selbst und die Welt konstruierend erschafft?
2. Ich habe
gelernt, dass Konstruktivismus Gegenstand und Methode der
Erkenntnistheorie, der Lerntheorie und der Soziologie ist. Folgen
daraus, je nach Anknüpfungspunkt, verschiedene musikpädagogische
Konzepte? Oder ist konstruktivistisches Denken und Handeln vielleicht
etwas, das vielen möglichen Anwendungskonzepten ein allgemein geltendes
Grundmuster einwebt?
3. Ist eine konstruktivistische Musikpädagogik
eventuell „nur“ ein neuer Name oder ein neues Gewand, das entweder – in
weniger guten Fällen – lediglich rechtfertigt, was schon immer im
Unterricht gemacht wird (Singen, Tanzen, Erfinden, Basteln, kritische
Recherche, Projektarbeit) oder – im besseren Fall – an frühere Konzepte
erinnert, an sie weiterentwickelnd anschließt, sie wirkungsvoll zuspitzt
? Kurz gesagt: Bestätigt das neue Gewand lediglich Selbstverständliches
oder enthält es neuen pädagogischen Zündstoff, den das pädagogische
Denken und Handeln und wir allerdings dringend gebrauchen können?
4. Wenn
ich an die philosophischen, soziologischen, psychologischen und anderen
Anleihen denke, welche die Musikpädagogik seit fast 50 Jahren
aufgenommen hat – von Plato, Adorno, Hartmann, Mersmann/Kurth über
Heidegger, Gadamer Dewey. . . – sie alle würden in den lockeren Refrain
der bei Kersten Reich angemahnten Trinität von „Konstruktion,
Dekonstruktion, Rekonstruktion“ einstimmen (Reich 2005, S. 118 – 145).
Deshalb gefällt mir das Grundmuster „Konstruktivismus“ als Fundament für
das Erkennen, Erleben, Handeln, Lernen und Lehren gut. Und sosehr es
einerseits eine Wiedererweckungsbewegung zu sein scheint, so wichtig ist
es, aus seiner Selbstverständlichkeit endlich praktische Konsequenzen
für das Handeln von Menschen zu ziehen, z. B. für Politiker,
Bildungspolitiker und Bildungswissenschaftler, die gerade dabei sind,
ein kontrastierendes Grundmuster durchzusetzen, ein Erziehungssystem,
das mit Standards, Kompetenznötigungen und gleichmachenden Kontrollen
ein wirkungsvolles systemisch-konstruktivistisches Handeln unterläuft.
5. In
seinem weitgespannten Anspruch ist eine konstruktivistische Pädagogik
eher eine allgemeine Haltung als eine Wissenschaft, an der Lernen und
Lehren sich orientieren sollten; wie ich meine, eine besonders wichtige,
kreative, auf Fantasie, Irrtum und nicht nachlassendem Fragen beruhende
Haltung – gegenüber der „Welt der Dinge“ (Gumbrecht), gegenüber den
anderen und nicht zuletzt gegenüber sich selbst. Als eine solche Haltung
sollte sie gelehrt und gelernt werden.
Damit das gelingen kann, ist
vor zwei Eng-Führungen (im Wortsinn!) zu warnen: vor einer
„wissenschaftlichen“ oder gar dogmatischen Festlegung des Begriffs wie
auch der beteiligten Menschen (Schüler, Lehrer, Bildungsobrigkeit); und
vor einer „Leipziger-Allerlei“-Zubereitung konstruktivistischen Handelns
in der päda-gogischen Küche, das heißt: in (die Menschen und die
Sachen) festlegenden Methodenspielen. Löst man nämlich die genannte
Haltung in ein Arsenal von Methoden auf, so wendet sich Pädagogik gerade
gegen das, was sie erreichen will: Sie beginnt wieder vorzuschreiben,
zu lenken, Ziele anzuvisieren und zu kontrollieren.
Wie bei jeder
Erziehungskonzeption bleibt – beim gegenwärtigen Stand des
Selbstverständnisses von Hochschulen, die sich (auch) der
Lehrerausbildung widmen – die Frage unbeantwortet, wie zukünftige Lehrer
darauf vorbereitet werden können, jene „Haltung“ zu gewinnen, weiter zu
geben, zu lehren und lebendig zu machen.
Christoph Richter
Heftartikel (ohne Magazin)
Clemens Kühn: Musik als Kunst / Bernd Enders & Christoph Richter:
Über die Bedeutung der Systematischen Musikwissenschaft für den
Musikunterricht / Reinhard Kopiez: Systematische Musikwissenschaft als
Bezugswissenschaft der Musikpädagogik / Wolfgang Auhagen: Audiovisuelle
Wahrnehmung aus musikpsychologischer Sicht / Herbert Bruhn:
Schulreformen ohne wissenschaftliche Fundierung / Norbert Schläbitz: Für
eine musikpädagogisch relevante MusikwissenschaftOliver Krämer:
Rollenwechsel / Maria B. Spychiger: Musiklernen als Ko-Konstruktion? /
Marc Mönig: Zum zeitgemäßen Umgang mit Werken im Musikunterricht /
Hans-Ulrich Schäfer-Lembeck: Noch einmal: Überlegungen zum Begriff
(Musik-)Vermittlung / Stefan Orgass: Interkulturelle Interaktion / Heinz
Geuen: Autonomie musikalischer Erfahrung und kulturelle Orientierung

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