Heft 48: Die Spannung zwischen Person und Institution in Schule und Hochschule
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Produktbeschreibung
Brigitte Lion hat eine Dissertation über die Spannungen geschrieben
zwischen dem Denken und Handeln der Person und den Zumutungen von
Institutionen, denen sie verpflichtet ist. Der genaue Titel: „Dilemma:
Irritation und Lernanlass. Alltag an der Musikuniversität – Spiegel von
Spannungen und Widersprüchen in Gesellschaft, Organisation und
Personen“. Nachdem die Arbeit bekannt geworden war, haben mir mehrere
Kolleginnen und Kollegen vorgeschlagen, zu diesem zweifellos wichtigen
Thema ein Themenheft zusammenzustellen. Das ist mit Hilfe von Frau Lion
gelungen, der für ihre Hilfe herzlich gedankt sei. Ich habe – obwohl ich
selbst ein etwa vierzig Jahre lang Betroffener bin – mit wachsendem
Interesse und mit wachsender Verärgerung gelesen, wie Organisationen und
Institutionen ehrlich bemühten Menschen das Leben schwer machen und wie
sinnvolle Konzepte zwischen bürokratischen Mauern und Forderungen
zerrieben werden.
Die Spannung zwischen den Personen mit ihrem guten
Willen und den eigenen Gestaltungsvorstellungen ihres Lebens und –
andererseits – den abstrakten, schlecht überlegten, nur auf
Funktionieren getrimmten Planungen ist nicht nur ein Dilemma, aus dem
kaum herauszu- kommen ist, sondern eine Aufgabe, in der es gilt, den
Einzelnen vor der Einvernahme und der Entpersonalisierung zu retten. Die
„dilemmatische“ Situation, die umso deutlicher in vielen, auch in
unscheinbaren Zwängen, zum Vorschein kommt, je genauer man auf die
Lebens- und Handlungsverhältnisse in allen Gesellschaften blickt, haben
die Autorinnen und der Autor dieser Ausgabe an Situationen ihrer
Berufsaufgaben geschildert, nicht ohne allzu verständliche Verbitterung,
Kritik und Ironie, aber auch teilweise mit Zustimmung.
Beim Versuch,
die aufgezeigten Unverträglichkeiten zu verstehen, stößt man auf eine
Grundfigur des Verhaltens und des Zusammenlebens, die von mehreren
Facetten geprägt ist:
Es geht um Macht und Kontrolle über Menschen.
Es geht – das ist besonders bedenklich und verwerflich – um Lust und
Eifer an jenen sich verselbständigenden Spielen, welche die anvertrauten
Menschen als Figuren behandeln, deren ursprünglich leuchtende
Farbigkeit und Einmaligkeit abgegriffen, zerschunden und auswechselbar
erscheinen.
Die Geschichte der Institutionen kann als ein
eindrucksvolles Lehr- und Bilderbuch gelesen werden, das in vielen
Kapiteln davon handelt, was die Institutionen, die Organisationen,
manche Wissenschaften, manche Erziehungssysteme aus den Individuen macht
oder zu machen versucht: Platons „Staat“; die Härte des Römischen
Reiches; viele Religionsgemeinschaften; totalitäre sowie demokratisch
genannte Formen des Zusammenlebens. Von den vielen aufgeklärten
Geistern, die über die mögliche Linderung der offenbar kaum vermeidbaren
Spannungen zwischen den Personen und den Institutionen (die diese
verwalten zu müssen glauben) nachgedacht haben, seien zwei genannt -
Wilhelm von Humboldt und Norbert Elias.
Wilhelm von Humboldt hat in
seiner Schrift „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des
Staats zu bestimmen“ (1792) eine Schrift, die offenbar zum Bruch mit von
Hardenberg und Metternich geführt hat und zur Aufgabe des politischen
Wirkens – ein Kapitel „Sorgfalt des Staats für das Wohl der Bürger“
genannt. In diesem Kapitel erläutert Wilhelm von Humboldt in sieben
Thesen das wünschenswerte Verhältnis zwischen Individuum und Staat. Ich
zitiere einige seiner Gedanken:
Je mehr also der Staat mitwirkt,
desto ähnlicher ist nicht bloß alles Wirkende, sondern alles Gewirkte
(...) Allein, was der Mensch beabsichtigen (...) muß, ist ganz etwas
anderes, ist Mannigfaltigkeit und Tätigkeit.
Anordnungen des Staats
aber führen immer mehr oder minder Zwang mit sich, und selbst, wenn dies
der Fall nicht ist, so gewöhnen sie den Menschen zu sehr, mehr fremde
Belehrung, fremde Leistung, fremde Hilfe zu erwarten, als selbst auf
Auswege zu denken. Noch mehr aber leidet durch eine zu ausgedehnte
Sorgfalt des Staats die Energie des Handelns überhaupt und der
moralische Charakter.
Was nicht von dem Menschen selbst gewählt,
worin er auch nur eingeschränkt und geleitet wird, das geht nicht in
sein Wesen über (...), das verrichtet er nicht eigentlich mit
menschlicher Kraft, sondern mit mechanischer Fertigkeit.
Die
Menschen werden (...) um der Sachen, die Kräfte um der Resultate willen
vernachlässigt. Ein Staat gleicht nach diesem System mehr einer
aufgehäuften Menge von leblosen Werkzeugen der Wirksamkeit (...) als
einer Menge tätiger und genießender Kräfte. (...) Dadurch aber werden
die Geschäfte beinahe völlig mechanisch und die Menschen Maschinen.
Norbert
Elias widmet sich dem Verhältnis zwischen Individuum und Staat
(Institution, Organisation) von der anderen Seite. Er erläutert an
vielen Beispielen aus der Gesellschaftsgeschichte, dass und wie eine
Gesellschaft (eine Gruppe) aus Individuen - aus dem, was sie einbringen
können, aus ihren Vorstellungen und Erfahrungen - entsteht und besteht.
Aus einem beweglichen und veränderlichen Netz aus Individuen entsteht
eine „Gesellschaft der Individuen“. Die gegenseitige Beeinflussung und
Einwirkung von Individuen und Gesellschaft fasst er in das Bild: „Der
einzelne Mensch ist beides: Münze und Prägstock zugleich. Die
Prägstockfunktion des einen mag größer sein als die von anderen, er ist
immer zugleich auch Münze.“ Elias nennt dieses Verhältnis
„Gesellschaftsspiel“.
Beide Schriften könnten Mut machen, Widerstand
gegen die Degradierung von Schülern, Kindern, Studierenden,
Referendaren, Lehrern, Hochschullehrern ... bis zu Politikern und
Verwaltungsbeflissenen aufzubauen. Nicht durch einen großen Aufstand,
sondern in vielen kleinen (trickreichen) Schritten und persönlichen
Entscheidungen könnte die Spannung zwischen Personen und Institutionen
abgebaut werden.
Christoph Richter
Heftartikel (ohne Magazin)
Christoph Richter: Bildungs-Schrot(t) / Brigitte Lion: Universität und Schule als Orte für Dilemmaproduktion / Anne Niessen: Die Musiklehrerbildung im Aktenschrank - Das dilemmatische Potenzial der Entwicklung von Bachelor- und Master-Studienordnungen für das Fach Musik / Christine Stöger: Zur Dynamik von Dilemmata an Schulen und Musikhochschulen / Antje Weiler: Zwischen Elfenbeinturm und Lehrerzimmer - Das Fach Musik aus der Perspektive schulischer Organisationsentwicklung / Klaus Riedel: „Und dann kannst Du denen auch noch den Dominantseptakkord unterjubeln“ - Beobachtungen und Einschätzungen zu Musikunterricht, Musiklehrer und Schule aus der Perspektive des Ausbilders und seiner Referendare / Patricia Shehan Campbell & Julie Bannerman: Anatomy of Mused 452 - A Course Called Ethnomusicology in the Schools / Wolfgang Mastnak: Musikpädagogik: China und Deutschland im Vergleich - Yang Yan Yi und Wolfgang Mastnak diskutierten im September 2009 am Shanghai Conservatory of Music / Christoph Stange: Religiöse Musik unter veränderten Vorzeichen

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